Die beiden Landtagsabgeordneten Bernd Krückel und Thomas Schnelle diskutierten mit Menschen mit Behinderung, Angehörigen, jungen Eltern von Kindern mit Behinderung, Vorstandsmitgliedern und Fachkräften der Lebenshilfe Heinsberg über die Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes in NRW und die Folgen für Menschen mit schwerer Behinderung im Kreis Heinsberg.

„Die gesellschaftlichen Teilhabechancen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung haben sich in der vergangenen Jahren positiv verändert“, begrüßte Lebenshilfe-Vorsitzender Klaus Meier die Gäste. „Wir betrachten jedoch mit Sorge die möglichen Folgen der aktuellen gesetzlichen Veränderungen für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf.“

Zwar könnten sich Eltern von Kindern mit Behinderung für eine inklusive Förderung in Kindertagesstätten oder Schulen entscheiden. Wenn der Unterstützungsbedarf aufgrund der Behinderung höher sei, stoßen manche Einrichtungen an ihre Grenzen, berichtete Ramona Plum, Mutter eines Kindes mit Behinderung. „Die Kita konnte die Betreuung unserer Tochter nicht mehr leisten. So haben wir den Kontakt zur Lebenshilfe gesucht. Heute wissen wir, dass unsere Tochter in einer kleinen Gruppe individuell und fachlich besser gefördert wird.“ Birgit Roye, Leiterin des Geilenkirchener Familienzentrums der Lebenshilfe, stellte fest: „In den vergangen beiden Kitajahren verzeichneten wir 45 Wechselanträge von Kindern mit Behinderung aus Regeleinrichtungen.“ Viele Kindertagesstätten seien im Rahmen ihrer baulichen, personellen und fachlichen Möglichkeiten überfordert, jedes Kind mit Behinderung aufzunehmen und entsprechend fachlich zu fördern.

Schulkinder mit hohem Unterstützungsbedarf seien beim Besuch einer Regelschule auf eine Schulassistenz angewiesen, erläuterte Lebenshilfe Geschäftsführer Edgar Johnen. Der individuelle Unterstützungsbedarf werde mit den jeweiligen Jugendämtern oder dem Kreissozialamt ausgehandelt. Da seien unterschiedliche Auslegungen und hohe Verwaltungskosten zur Umsetzung der Verträge unausweichlich. „Zudem werden Schulausfall durch Krankheit des Kindes oder Lehrerkonferenzen sowie eine in der Regel erforderliche Qualifizierung der Assistenten und der Elternaustausch nicht refinanziert“, erläuterte Fachbereichsleiterin Judith Liebens. Hier sei dringend Verbesserungsbedarf und Vereinheitlichung nötig, damit die inklusive Beschulung  in NRW nicht scheitere.

Für erwachsene Menschen mit schwerer Behinderung sei auch die Zukunft im Arbeitsleben seit Einführung des Bundesteilhabegesetzes ungewiss, fuhr Wolfgang Vossen, Pädagogischer Leiter der Lebenshilfe Werkstätten fort. Laut Gesetz sei das Recht auf einen Platz im Arbeitsbereich einer Werkstatt gekoppelt an vorausgegangene berufliche Bildung. „Wird in Zukunft den Menschen mit schwersten Behinderungen der Besuch einer Werkstatt in NRW verwehrt, wenn sie nicht an einer beruflichen Bildungsmaßnahme teilnehmen können oder das geforderte Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit nicht leisten?“ Bislang habe jeder Mensch unabhängig von der Schwere seiner Behinderung einen Arbeitsplatz in den Lebenshilfe Werkstätten erhalten. Die sei Ausdruck gelebter Inklusion und müsse erhalten bleiben.

Ebenso ungewiss sei die wohnliche Zukunft für Menschen mit schwerer Behinderung, erläuterte Christoph Cremers, Leiter des Wohnbereiches der Lebenshilfe. Die Finanzierung eines stationären Wohnplatzes im Rahmen der Eingliederungshilfe stagniere seit Jahren, während die infrastrukturellen Anforderungen an Wohneinrichtungen steigen. Erwartungen an Fachkräfteschulungen oder Pflegeversorgung sowie neue Auflagen und Brandsicherheitskonzepte werden nicht refinanziert und zurzeit von der Lebenshilfe Heinsberg selbst getragen. „Die Vergütung des Hilfebedarfes muss an die tatsächlichen Anforderungen angepasst werden!“ Zudem brauche es dringend neue Anreize, um den wachsenden Bedarf an barrierefreiem, bezahlbarem Wohnraum gerecht zu werden.

„Wir müssen im engen Austausch bleiben und versprechen, die aktuellen gesetzlichen Entwicklungen mit Ihnen gemeinsam genau zu verfolgen, damit wir vor allem Menschen mit schwerer Behinderung nicht aus den Augen verlieren!“, bedankte sich Bernd Krückel gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Schnelle für den intensiven Austausch.